Wenn KI-Aktien stolpern: Droht dem Goldpreis ein Volatilitätsschock?
Der Technologiesektor war in den letzten Monaten der unangefochtene Motor der Aktienmärkte, maßgeblich angetrieben durch Unternehmen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI). Eine fast parabolische Rally hat die Bewertungen in teils astronomische Höhen getrieben. Doch nach dieser ausgedehnten Hausse mehren sich nun die Zeichen der Ermüdung. Analysten und sogar Notenbanken blicken mit Sorge auf die Entwicklung und warnen vor einer bevorstehenden Neubewertung des Sektors. Für Anleger könnte dies weitreichende Folgen haben. Diese betreffen nicht nur Technologie-Portfolios, sondern potenziell auch Anlageklassen, die gemeinhin als sichere Häfen gelten, wie beispielsweise Gold.
Der KI-Hype zeigt erste Risse
Nach einer langen Phase der Euphorie scheint die Realität den KI-Sektor einzuholen. Investoren und Marktbeobachter blicken zunehmend kritisch auf die extrem hohen Bewertungen vieler Technologie-Titel. Die Bedenken speisen sich aus mehreren Quellen.
Zum einen sind die Bewertungen überhitzt. Viele KI-Aktien werden mit Multiplikatoren gehandelt, die weit über den historischen Durchschnittswerten liegen. Die in den Kursen eingepreisten Erwartungen an zukünftige Gewinne sind immens und lassen kaum Raum für Enttäuschungen.
Zum anderen litt der Markt zuletzt unter einer geringen Breite. Die Rally der letzten Monate wurde oft nur von einer Handvoll sogenannter „Mega-Caps“, also Unternehmen mit extrem hoher Marktkapitalisierung, getragen. Fällt die Unterstützung durch diese wenigen Zugpferde weg, fehlt dem Gesamtmarkt ein wichtiges Fundament.
Hinzu kommen die expliziten Warnungen von Experten. Inzwischen warnen selbst große Bankhäuser vor dem Risiko eines spürbaren Rücksetzers an den Aktienmärkten, der durchaus 10 bis 20 Prozent betragen könnte. Ole Hansen, der renommierte Rohstoffstratege der Saxo Bank, wies kürzlich darauf hin, dass der Sektor „Anzeichen von Müdigkeit“ zeige. Ein „Reset“ der überzogenen Erwartungen scheint nur eine Frage der Zeit zu sein.
Der Ansteckungseffekt: Wie Volatilität überspringt
Die größte Sorge für den Gesamtmarkt ist nicht unbedingt ein langsames Abkühlen des KI-Booms, sondern ein plötzlicher Volatilitätsschock. Wenn ein Sektor, der so viel Kapital gebunden hat, abrupt korrigiert, geraten Anleger schnell unter Druck.
Dieses Phänomen wird oft als Deleveraging bezeichnet. Investoren, die möglicherweise mit Hebel, also mit geliehenem Geld, investiert haben oder schlicht ihre Verluste begrenzen müssen, sind gezwungen, Positionen zu verkaufen.
Wichtig für alle Anleger ist das Verständnis, dass in solchen Phasen der Panik oft nicht nur die risikoreichen Papiere verkauft werden. Stattdessen findet häufig eine breite Liquidation statt. Investoren verkaufen dann Positionen quer durch alle Anlageklassen, um schnellstmöglich Liquidität zu beschaffen und Risiken aus den Büchern zu nehmen.
Ole Hansen beschreibt dies als einen der am meisten unterschätzten Übertragungskanäle zwischen Aktienmarktstress und Rohstoffpreisen. Wenn die Volatilität an den Aktienmärkten abrupt ansteigt, können die Auswirkungen demnach weit über den Aktienmarkt hinausgehen und andere Märkte erfassen.
Gold im Kreuzfeuer der KI-Korrektur?
Für viele Anleger mag es zunächst widersprüchlich klingen. Gold gilt traditionell als sicherer Hafen. Sollte der Goldpreis nicht steigen, wenn die Aktienmärkte fallen?
Kurzfristig lautet die Antwort: Nicht unbedingt.
Wenn es zu einem scharfen, durch den KI-Sektor ausgelösten Abverkauf kommt, wird auch Gold wahrscheinlich in Mitleidenschaft gezogen. Der Grund liegt im bereits erwähnten Liquidationsdruck. Investoren, die hohe Verluste bei Technologie-Aktien realisieren müssen, benötigen dringend liquide Mittel. Dies kann geschehen, um Verluste auszugleichen oder um sogenannte Margin Calls zu bedienen, also Nachschussforderungen bei gehebelten Positionen.
In solchen Momenten wird oft das verkauft, was schnell und einfach liquidierbar ist und vielleicht sogar noch Gewinne aufweist. Goldpositionen sind hierfür ein typisches Ziel. Wir könnten also kurzfristige Gold-Liquidationen sehen, die den Preis des Edelmetalls drücken, obwohl die eigentliche Krise im Technologiesektor stattfindet. Für Anleger bedeutet dies, dass Gold in einem solchen Szenario möglicherweise nicht den sofortigen Schutz bietet, den man sich von ihm erhofft.
Fundamentaldaten schlagen kurzfristigen Lärm
Während die kurzfristigen Risiken einer KI-Korrektur für den Goldpreis real sind, betonen Experten wie Hansen eine wichtige Unterscheidung: Ein temporärer Volatilitätsschock ändert nichts an den langfristigen Fundamentaldaten.
Die Gründe, warum Anleger Gold als strategischen Portfoliobestandteil halten, bleiben von einer Korrektur im Tech-Sektor unberührt. Dazu zählen beispielsweise der Inflationsschutz, die Absicherung gegen geopolitische Unsicherheiten oder die Funktion als Gegengewicht zu ausufernder Staatsverschuldung und den damit verbundenen Währungsrisiken. Auch das Zinsumfeld spielt eine entscheidende Rolle für die langfristige Goldpreisentwicklung.
Hansen fasst es treffend zusammen: Solche Volatilitätsereignisse verzerren zwar vorübergehend die Preissignale bei Rohstoffen, sie ändern aber selten den zugrundeliegenden Kurs von Märkten, die (wie Gold) über robuste makro- und mikroökonomische Grundlagen verfügen.
Für Anleger bedeutet dies: Eine Korrektur im KI-Sektor stellt aktuell ein Hauptrisiko für die kurzfristige Marktstabilität dar. Wer in Gold investiert ist, sollte sich auf eine volatile Phase einstellen. Es ist jedoch entscheidend, zwischen dem kurzfristigen Lärm einer marktbreiten Liquidation und dem langfristigen fundamentalen Wert des Edelmetalls unterscheiden zu können.