Die Bewertungslücke: Ist die Goldmine das bessere Gold?

Die Bewertungslücke: Ist die Goldmine das bessere Gold?

Der Goldpreis hat die Marke von 4.100 US-Dollar pro Unze souverän verteidigt und notiert auf einem historischen Rekordniveau. Diese beeindruckende Stärke stellt viele Anleger vor ein Dilemma: Ist ein Einstieg auf diesem hohen Niveau noch sinnvoll oder läuft man Gefahr, auf dem Gipfel zu kaufen? Doch während der Fokus der Finanzwelt auf dem reinen Metallpreis liegt, hat sich eine bemerkenswerte und oft übersehene Diskrepanz aufgetan: die Bewertung der Goldminenaktien.

Obwohl der Sektor, gemessen am Branchen-ETF GDX, von seinen Tiefstständen bereits deutlich zugelegt hat, argumentiert der renommierte Rohstoff-Investor Frank Holmes, dass die Aktien der Produzenten im Verhältnis zum Goldpreis immer noch „deutlich unterbewertet“ sind. Seine Analyse verschiebt den Fokus von der Frage, ob Gold weiter steigt, hin zur Frage, wie man am besten von dem etablierten Hochpreisumfeld profitieren kann. Es scheint, als hätte der Markt die Nachhaltigkeit der hohen Goldpreise noch nicht akzeptiert und die Konsequenzen für die Ertragskraft der Minenbetreiber ignoriert.

Der operative Hebel: Die simple Mathematik hinter der Chance

Der Kern der Investmentthese liegt im Geschäftsmodell der Minenbetreiber, das eine starke Hebelwirkung auf den Goldpreis entfaltet. Die Gesamtkosten für die Förderung einer Unze Gold, die sogenannten „All-In Sustaining Costs“ (AISC), sind für ein Unternehmen relativ fix. Sie umfassen nicht nur die direkten Abbaukosten, sondern auch Verwaltung, Exploration und Investitionen zum Erhalt der Produktion. Jeder Dollar, um den der Verkaufspreis für Gold diese Kosten übersteigt, fließt fast vollständig in die Gewinnmarge und den freien Cashflow des Unternehmens.

Ein Rechenbeispiel verdeutlicht diesen Effekt eindrücklich:

  • Angenommene Förderkosten einer Mine: 2.000 Dollar pro Unze.
  • Bei einem Goldpreis von 4.000 Dollar erzielt die Mine einen Gewinn von 2.000 Dollar pro Unze.
  • Steigt der Goldpreis nun um 5 % auf 4.200 Dollar, erhöht sich der Gewinn auf 2.200 Dollar pro Unze.

Das Ergebnis: Eine Preissteigerung von nur 5 % beim Gold führt zu einer Gewinnsteigerung von 10 % bei der Minengesellschaft. Frank Holmes beziffert diesen Hebel sogar noch stärker. Laut seiner Analyse kann ein Anstieg des Goldpreises um 1 % die Gewinne der Minen um 10 bis 15 % explodieren lassen. Genau diese massiv gestiegene Profitabilität, die sich bereits in den Quartalsberichten der Unternehmen abzeichnet, ist in den aktuellen Aktienkursen noch nicht vollständig reflektiert.

Zwei stabile Säulen für ein robustes Preisumfeld

Die Attraktivität der Minenaktien hängt natürlich von einem stabilen Goldpreis ab. Ein kurzfristiger Preiseinbruch würde die Margen sofort wieder schmelzen lassen. Hier verweist Holmes auf ein robustes Fundament, das von zwei unterschiedlichen globalen Kräften getragen wird und für Stabilität sorgt:

  1. Die Investment-Nachfrage: Wie wir bereits in früheren Analysen beleuchtet haben, sorgen Faktoren wie negative Realzinsen, hohe Staatsverschuldung und geopolitische Unsicherheiten für eine anhaltend hohe strategische Nachfrage aus dem Westen. Investoren nutzen Gold hier als systemische Versicherung.
  1. Die kulturelle Nachfrage (der „Love Trade“): Dieser oft unterschätzte, aber extrem wichtige Treiber kommt aus Asien. In China und Indien hat Gold eine tiefe kulturelle Bedeutung als Geschenk zu Hochzeiten, dem Lichterfest Diwali oder dem chinesischen Neujahr. Diese Nachfrage ist relativ preisunelastisch und sorgt für einen stabilen, physischen Nachfrageboden, der das Abwärtsrisiko für den Goldpreis erheblich reduziert.

Dieses Zusammenspiel aus strategischer und kultureller Nachfrage schafft ein widerstandsfähiges Preisplateau, auf dem die Minen ihre hohen Gewinne nachhaltig realisieren und an die Aktionäre ausschütten können.

Strategische Schlussfolgerung

Die aktuelle Marktlage ist außergewöhnlich. Wir sehen einen Rohstoff, dessen Preis sich auf einem Allzeithoch befindet, während die Aktien der Unternehmen, die diesen Rohstoff produzieren, im historischen Vergleich und gemessen an ihren Cashflows günstig bewertet sind. Diese Bewertungslücke wird sich wahrscheinlich nicht ewig halten. Früher oder später wird der Markt die neue Ertragsrealität der Goldminen anerkennen und die Kurse durch Neubewertungen anpassen.

Für Anleger, die von einem weiterhin starken Goldumfeld ausgehen, könnte sich hier eine überlegene Anlagestrategie bieten. Anstatt direkt in das Edelmetall zu investieren, dessen größter Sprung vielleicht schon hinter ihm liegt, ermöglicht ein Investment in Minenaktien (über Einzeltitel oder zur Risikostreuung über ETFs) die Partizipation am gewaltigen Aufholpotenzial der Produzenten. Die Frage ist nicht mehr nur, ob man Gold besitzen sollte, sondern in welcher Form. Für risikobewusste Investoren könnten die Produzenten derzeit die intelligentere Antwort sein.

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